Aram Bartholl und die Kunst 2.0
Wir haben im Netz gefischt und sind auf die Kunstwerke von Aram Bartholl gestoßen. Den Künstler haben wir bereits in Macht Spaß: Google Street View vorgestellt. Der gebürtige Bremer schafft mit beeindruckenden Installationen und Kunstprojekten gekonnt eine Verbindung zwischen virtueller und realer Welt.
Letzte Woche ist uns Aram Bartholl ein Mal mehr aufgefallen, als er Google Street View in seinem Blog mit amüsanten Bildern auf die Schippe nahm. Höchste Zeit, dem Künstler einen eigenen Blogeintrag zu widmen.
Erst vor Kurzem war Aram Bartholl mit “Dead Drops” in den Medien. In dem Projekt bringt er USB-Sticks an öffentlichen Plätzen an und lädt damit zum anonymen File Sharing ein. Reale Vorlage des Kunstprojekts sind sogenannte “tote Briefkästen”, Verstecke wie Mauerritzen oder Astlöcher, die einst der geheimen Nachrichtenübermittlung dienten und mitunter von Spionen genutzt wurden.

Wer einen "Dead Drop" entdeckt, kann checken, ob schon jemand Daten auf dem USB-Stick abgelegt hat. Oder er hinterlässt seine eigenen Dateien.
Mit seinen Installationen gibt Bartholl dem geheimen Informationsaustausch virtuellen Charakter; die ursprüngliche Idee der Anonymität bleibt erhalten, denn keiner weiß, wer seine Nachricht auf dem “Dead Drop” hinterlassen hat.
Über ganz New York hat Bartholl USB-Sticks in Mauern zementiert oder an öffentlichen Telefonen angebracht, und nur mit einer readme.txt und einer manifesto.txt Datei bestückt, die das Projekt erklären sollen. An diese “Dead Drops“ kann man sich, einmal entdeckt, andocken und Daten übermitteln oder bereits gespeicherte Daten ziehen. Das “How to” Video auf Vimeo gibt Einblicke in die Umsetzung:
“Map”: Google Maps zum Anfassen
Ein anderes Projekt von Bartholl trägt den Namen “Map“. Die erste Installation dieser Art entstand 2006 und wurde von Bartholl bis heute weiter entwickelt: An öffentlichen Plätzen stellte der Künstler mit seinem Team Landkartennadeln auf, die getreu der “Google Maps Needle”, ja sogar im gleichen Größenverhältnis zur virtuellen Karte, nachgebildet wurden. In seiner Serie “City Center” kam Bartholl dem Google Vorbild noch einen Schritt näher: Mit den roten Icons markierte er in der realen Welt den von Google festgelegten Stadtmittelpunkt.

"Map": Bartholls markierte Orte sind die reale Version von Google Maps.
Aus der Welt der Online-Spiele: “WoW”, “Chat” und “H1″
Alles, was mit der Computerwelt zu tun hat, erweckt Bartholl in der realen Welt zum Leben, so auch geschehen in “WoW” und “Chat“:

Auch online Computer-Rollenspiele wie "World of Warcraft" verarbeitet Bartholl in seinen Arbeiten.
In den beiden Projekten imitierte Bartholl online Rollenspiele, wie “World of Warcraft” oder “Second Life”. Sein Ausgangspunkt: In der virtuellen Welt ist der Name des Avatars oft über dessen Kopf dargestellt. Die Konversation mit anderen Teilnehmern erscheint in großen Sprechblasen.

"WoW": Wie Avatarnamen in online Rollenspielen werden hier die Namen echter Personen über deren Köpfen angezeigt.
Während bei “WoW” mit Schere und Papier gebastelt wurde, steckt bei „Chat“ richtige Elektronik dahinter: Zwei Teilnehmer werden mit Tastaturen und großen, beleuchteten Sprechblasen ausgestattet. Auf der Tastatur eingegebener Text wird direkt auf die Sprechblase projiziert, der Chat kann beginnen.

"Chat": ein Chatroom in der realen Welt
Auch bei “H1” kopierte Bartholl bei “World of Warcraft” und provozierte sein Umfeld damit: Aus Papier baute er eine Kriegerwaffe nach und schlenderte damit durch eine Fußgängerzone. Die Reaktionen von Passanten wurden in einem Video festgehalten.

Bartholl mit einer Kriegerwaffe aus "World of Warcraft"
Captchas: “Are you human?”
Jeder kennt sie, jeder ist genervt von ihnen: Captchas. Bartholl wandelte die verschlungenen Buchstaben und Ziffern, die manuell eingetippt beweisen sollen, dass der Internetnutzer menschlicher Natur ist, kurzerhand in Schablonen um, die er wie Graffitis an Hauswänden anbrachte. “Are you human?” ist der Name des Projekts.

"Are you human?": Auf dieser Wand ist ein Captcha versteckt.
Mehr von Aram Bartholl
Die hier vorgestellten Kunstprojekte sind nur eine kleine Auswahl von Bartholls Werken. Wer mehr erfahren möchte, dem sei Bartholls Webseite datenform.de empfohlen. Für zusätzliche Einblicke sorgen auch seine Videos auf Vimeo, in denen er unter anderem zeigt, wie seine Werke entstehen oder auch wie sie von Unbeteiligten aus dem direkten Umfeld aufgenommen werden. Hier wird deutlich, dass in seiner Arbeit zwar eine Kritik an der heute immer stärker vernetzten Welt steckt, Bartholl seine Projekte aber auch immer mit einem Augenzwinkern präsentiert.
Aram Bartholl wurde 1972 in Bremen geboren und studierte an der Berliner Universität der Künste Architektur. Seine Abschlussarbeit “Daten am Ort” war der Gewinner des Browserday 2001.
Heute lebt Bartholl in Berlin – ein Katzensprung von Hamburg, aber so richtig scheint es seine Kunst noch nicht in die Hansestadt geschafft zu haben. Doch wer weiß, vielleicht wird die Schanze bald in einer “Nacht und Nebel” Aktion mit einem “Dead Drop” bestückt…





